Urbanes Gärtnern und Permakultur im Peace of Land

Gepostet am 09 Oktober 2021 von Peace ofLand

Städte wie Berlin bieten auf der einen Seite Arbeitsplätze, kulturelle Abwechslung und ein gut funktionierendes Gesundheitssystem. Auf der anderen Seite birgt die Anonymität jeder Großstadt die Gefahr von Vereinzelung oder gar sozialer Isolation.

Ilona Hartmann schreibt auf der Internetseite Mit Vergnügen: „Im Grunde macht Großstadt nicht einsam. Aber Großstadt macht Einsamkeit einfach. Und unsichtbar.“ Einsamkeit kann ernste körperliche Symptome zur Folge haben und krank machen. Oft wächst bei einsamen Menschen der Wunsch nach Gemeinschaft und Zugehörigkeit. Wie kann in einer Großstadt wie Berlin diesem Wunsch entsprochen werden?

Zum Beispiel durch mehr öffentliche Räume, die nicht nur Transitzonen, sondern Verweilzonen sind, die Raum für Begegnung fördern, gemeinsames Tun und Kommunikation ermöglichen. Wie kaum ein anderer Ort kann ein Gemeinschaftsgarten Menschen zusammenführen und ihnen die Möglichkeit zu einer gemeinsamen sinnstiftenden Tätigkeit eröffnen.

Und hier besteht Bedarf.

Das zeigt sich in der stetig wachsenden Zahl von urbanen und Gemeinschaftsgärten. Immer mehr Menschen haben den Wunsch, sich gärtnerisch zu betätigen und suchen den engen Kontakt zur Natur.

Wie die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz im September 2019 auf ihrer Internetseite mitteilte, gab es zu diesem Zeitpunkt allein in Berlin bereits mehr als 200 Gemeinschaftsgärten. Dort steht auch zu lesen: „Wer beim Urban Gardening mitmacht, fördert nicht nur die Umwelt, sondern auch die sozialen Verbindungen untereinander, denn beim gemeinsamen Tomaten-Anpflanzen lernt man die Nachbarn von einer ganz anderen Seite kennen.“

In einer Gemeinschaft zu arbeiten ist mehr als etwas zusammen zu tun. Menschen in einem Gemeinschaftsgarten teilen nicht nur den Raum und die Werkzeuge, sondern eine Vision über Abläufe im Garten und die künftige Gestaltung. Das Engagement in einem selbst organisierten Gemeinschaftsgarten bietet hierbei sowohl die Möglichkeit als auch die Herausforderung, sich als Mensch in seiner Ganzheit zu zeigen, präsent zu sein und zu sich zu stehen. Die Arbeit in einer Gemeinschaft bedarf der ständigen Abstimmung, Auseinandersetzung und Kooperation, oft aber auch der persönlichen Abgrenzung und Durchsetzung.

Wie das funktionieren kann, zeigt der folgende Erfahrungsbericht aus dem Gemeinschaftsgarten „Peace of Land“ in Berlin-Prenzlauer Berg.

 

Das Peace of Land – Ein Permakultur-Lernort

Permakultur, was ist das eigentlich? Mein Partner meinte, jeder kann doch Samen in die Erde werfen und dann wächst was. Aber so einfach ist das nicht… Ich bin noch neu bei Peace of Land (PoL), einem Permakulturgarten, bei dem es um mehr geht als nur um Gärtnern, das allein dem Zweck der Ernährung dient. Die Permakultur fußt auf drei ethischen Grundsätzen: Earth Care – Geh achtsam mit der Erde um, Fair Share – Teile den Ertrag gerecht , People Care – Geh achtsam mit den Menschen um. Im PoL gibt es eine bestimmte Herangehensweise, um Neulinge mit der Idee der Permakultur, mit der Gemeinschaft und mit dem Garten vertraut zu machen. Eine Patin nahm mich an die Hand, zeigte mir die Räume und die vielfältigen Bereiche im Garten und erklärte die Logistik. Nach wenigen Monaten des Mit-Wirkens war es dann so weit: In einem festgelegten Zeremoniell wurde ich in den Gemeinschaftsgarten Peace of Land aufgenommen. Es war aufregend für mich, als meine Patin im Plenum den Antrag einbrachte, denn hier kann jedes Mitglied seinen Widerstand gegen die Aufnahme eines neuen Mitglieds äußern. In meinem

Fall gab es keine Widerstände. Ein wundervolles Glücksgefühl machte sich breit. Ich gehöre jetzt zur PoL-Family. Ich bekam eigene Beete, auf denen ich mich ausprobieren konnte und betreute während der Urlaubszeit die Beete anderer Mitglieder. Vor allem konnte ich viel beobachten. Was war alles ausgesät und angepflanzt, was wächst wie und wann? Gute Absprachen sind unabdinglich, zum Beispiel, wenn es darum geht, wann und wieviel gewässert wird. Ressourcen zu schonen ist wichtig!

Und Wasser ist eine kostbare Ressource. Wir sammeln Regenwasser. Und wir mulchen die Beete. Unglaublich, dass pro Monat fast 200 Liter Wasser eingespart werden konnten – nur durch Mulchen!

Die Abstimmungen im Peace of Land erfolgen in den Plena, wo viele unterschiedliche Menschen mit ihren Meinungen zu Wort kommen. Hier werden die Ansichten, Einwürfe, Widerstände gehört und fließen in die Entscheidungen mit ein. Immer auf der Suche nach Konsent. Das beeindruckt mich sehr.

Fasziniert bin ich auch von der Vielfalt der Bereiche im Peace of Land. Auf einem relativ kleinen Areal gibt es den Klostergarten mit Kräuterhochbeeten, Brombeerspalier, Aquahochbeeten, Solarbrunnen und Erdbeerbar, den Waldgarten und die Streuobstwiese. 76 unterschiedliche Pflanzenarten hat die TU Berlin auf einem Beobachtungsgebiet von etwa 400 Quadratmetern gezählt. Auf dem Gemüseacker bewirtschafte ich ein paar Beete zusammen mit einigen Gartenkolleginnen – nein, Freundinnen. Wir achten auf die Fruchtfolge, nutzen verschiedene Kompostsorten, die auf dem Gelände angesetzt sind, schreiben auf, lernen, unterstützen Pflanzen und Boden mit Sud und Pflanzenjauche. Ich lerne unglaublich viel, zum Beispiel wie Blattläuse mit Hilfe von Knoblauch und Rainfarn ganz ohne Chemie bekämpft werden können. Am Teich tummeln sich zahllose Libellen, ein Entenpaar besucht uns dort seit einigen Jahren, sogar ein Reiher hat hier schon Station gemacht. Der Göttinnenberg wurde nach dem Götterbaum benannt, der hier wächst. Da steht die Wasserzisterne mit 4000 Litern Fassungsvermögen, die an ein Aquädukt angeschlossen ist. Viel Wasser, doch in trockenen Sommern reicht es trotzdem nicht aus. In der Mitte des Amphitheaters gibt es eine Feuerstelle.

Im Seminarraum werden Workshops auch für die Öffentlichkeit angeboten, Küche und Café stehen ebenfalls allen zur Verfügung. Das Peace of Land ist kein riesiger Garten, dennoch bietet er eine Fülle an Möglichkeiten. Immer wieder sind wir überrascht, welche Vielfalt die Natur uns bereit hält.


Dieser Artikel erschien im September 2021 im Gartenmagazin „Parzelle“, eine Kooperation der KGA Bornholm II mit dem Forum Stadtgärtnern.
Autorinnen: Katalin Németh, Kirstin Elsner